"Sehen führt zu Gedenken und Gedenken führt zur Tat." (Talmud Menachot)

"Zukunft braucht Erinnerung." (Motto der ASF auf dem Kirchentag 1999)

Idee

Ausgangspunkt für die Unterrichtsreihe war meine am Helmholtz-Gymnasium Bielefeld bei 60 Schülerinnen und Schülern der Klassen 6 - 13 durchgeführte Umfrage zu der Einstellung von Jugendlichen zum Judentum und zu Juden durch. Die Fragen lauteten u.a.:

  • Was weist du über Juden?
  • Welche Juden kennst du persönlich oder aus den Medien?
  • Glaubst du, dass Juden anders sind als z.B. die Mitglieder deiner Familie? Wenn ja, wie unterscheiden sie sich?
  • In welchen Fächern und Jahrgangsstufen hast du dich in der Schule mit dem Thema „Judenverfolgung“ befasst?

Die Umfrage hat zu einem für mich überraschenden Ergebnis geführt (s.a. mein Artikel „Prejudice and Political Awareness in Bielefeld“ im AUFBAU vom 09.03.2000, http:// www.aufbau2000.com). Auch noch gut 50 Jahre nach dem Ende des Holocaust bestehen bei Jugendlichen tiefsitzende Vorurteile gegenüber Juden, die nachweisen, dass die negativen Attribute, mit denen Juden im 3.Reich versehen wurden, von Generation zu Generation weitergegeben worden sind und auch heute noch bestehen, wie z.B. die folgenden Aussagen zeigen: „Juden haben Erfolg als Bankangestellte.“ „Juden gehört ein Großteil der Diamenten auf der Welt.“

Das Festhalten an Vorurteilen wird dadurch begünstigt, dass deutsche Jugendliche nur selten Kontakt zu Juden unterhalten. Von den Beantwortern des Fragebogens kennt - bis auf eine Ausnahme - niemand persönlich einen Juden. Ein weiterer Aspekt, der die negative Sichtweise der Schülerinnen und Schüler begünstigt, geht aus der Antwort eines Abiturienten auf die Frage hervor, wann und in welchen Fächern die Schule das Thema „Judentum“ vermittelt habe. „Jedes Jahr vom 4. Schuljahr an, sodass, außer in Mathematik und Sport, das Thema garantiert mindestens drei Mal in jedem Fach drankam, sogar in Musik und Kunst.“ Es wird also "häppchenweise" und unzusammenhängend unterrichtet, sodass es demotivierend auf die Schüler wirkt und keine persönliche Betroffenheit erzeugt.

Aus diesem Grund habe ich die Unterrichtsreihe als fächerübergreifendes und aus dem Stundenraster herausgelöstes Projekt konzipiert.

 

 

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Planung und Durchführung

Die Unterrichtsreihe zu Judith Kerrs Jugendbuch "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" vollzog sich in 2 Phasen: Textanalyse (16 Stunden) und Aufbereitung der Ergebnisse für ein Internetprojekt (11 Stunden).
Im Rahmen der Textanalyse wurden die ersten 6 Kapitel chronologisch im Plenum besprochen, die Besprechung der restlichen Kapitel jedoch nach übergreifenden inhaltlichen Gesichtspunkten in Gruppenarbeit durchgeführt.

Das Internetprojekt verlief in folgenden Phasen
- Einführung ins Internet (2 Stunden): Für die Schüler, die noch nie an einem Computer -gearbeitet hatten (etwa ein Drittel der Klasse), wurde eine kurze Einweisung in den Gebrauch der Tastatur durchgeführt. Anschließend wurden die Kennzeichen des Internet erläutert, woraufhin die Schüler erste Rechercheaufgaben zum Thema durchführten. Abschließend lernten sie, Texte und Bilder zu speichern.

- Erstellen, Korrektur und Auswahl der Produkte (5 Stunden): Die Aufgabenstellungen wurden von mir vorgegeben. Von der Möglichkeit, zusätzliche, eigene Aufgaben zu realisieren, machte kein Schüler Gebrauch. Die kreativen Schreibaufgaben wurden in Einzelarbeit gelöst, die übrigen Aufgaben wurden von Gruppen bearbeitet.

- Layout der Internetseiten (2 Stunden): Nachdem die Schüler sich Anregungen bei schon im Netz von vergleichbaren Altersgruppen dokumentierten Projekten geholt hatten, bekamen sie die Aufgabe, das Layout für die Startseite zu gestalten und zu präsentieren. Der beste Vorschlag wurde ausgewählt.

- Präsentation der Ergebnisse (2 Stunden): Nach der Programmierung der Internetseiten stellte jede Gruppe ihr Ergebnis im Plenum vor. Da bisher nur wenige Schüler zu Hause über einen Internetanschluss verfügen, wurden die einzelnen Seiten des Internetprojektes für alle Schüler zu einer kleinen Brochüre zusammengestellt.

 

Auswertung

Der hohe motivationale Faktor des Mediums Internet und die Tatsache, dass die Klasse während der Unterrichtsreihe erstmals an einer multimedialen und interaktiven Veröffentlichung mitarbeiten konnte, machte das Unterrichtsprojekt in den Augen der Schüler zu einem "Renner". Sie waren stolz auf die zahlreichen positiven Rückmeldungen im Gästebuch der Website, die nach dem Eintrag des Projektes auf dem Bildungsserver ZUM eingingen und sie nahmen interessiert eMail-Kontakte zu Schülern und Lehrern auf, die ihnen gemailt hatten.

Nach der Beendigung der Unterrichtsreihe änderten sich die Diskussionsschwerpunkte der Klasse spürbar. Die Schüler äußerten den Wunsch, Kontakt zur jüdischen Gemeinde in Bielefeld aufzunehmen und die Vorsitzende der christlich - jüdischen Gesellschaft in Bielefeld, Frau Irith Raub-Michelsohn, in den Unterricht einzuladen, um sie zu den Lebensbedingungen der jüdischen Mitbürger Bielefelds zu befragen. Gleichzeitig fanden in den Familien der Schüler intensive Gespräche mit noch lebenden Zeitzeugen aus der Großelterngeneration statt, die teilweise als Schüler das Helmholtz-Gymnasium besucht hatten. So ergab sich die Frage, welches Schicksal ehemalige jüdische Schüler der Schule im 3.Reich erlitten hatten. Hierzu wurde ein von Mitschülern geführtes Interview mit Herrn Walter Goldmann, einem jüdischen Mitbürger und ehemaligen Helmhöltzer, der das 3.Reich im schwedischen Exil überlebt hat und seit den 50er Jahren wieder in Bielefeld lebt, ausgewertet.

Nach Beendigung des Unterrichtsprojekts führte ich eine Evaluation durch, mit deren Hilfe der Wissens- und Erkenntniszuwachs der Schüler ausgewertet werden konnte. Es wurden folgende Fragen gestellt:

Was hast du über den Holocaust gelernt? Wie hat das deine Einstellung zum Rechtsradikalismus geändert? Welche Kenntnisse hast du über das Leben von jüdischen Mitbürgern durch die Unterrichtsreihe erworben? Wie hat das deine Einstellung zum Judentum verändert? Was hast du über in Deutschland lebende Kriegsflüchtlinge gelernt? Wie hat das deine Haltung ihnen gegenüber verändert?

Die Antworten der Schüler zeigten, dass es im Rahmen des Projektes gelungen ist, das Interesse der Schüler an einer Auseinandersetzung mit der deutschen NS-Vergangenheit zu wecken und sie für das Schicksal von Minderheiten und deren latente Bedrohung durch Diskriminierung, Intoleranz und Rassismus zu sensibilisieren. Ich hoffe, dass dies ihre Haltung gegen Fremdenfeindlichkeit und für Toleranz in religiösen und kulturellen Fragen dauerhaft stärkt.

 

 

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Als Hitler das rosa Kaninchen stahl - Projektbeschreibung
Helmholtz-Gymnasium Bielefeld 2000